Angepinnt Petrotilapia „Small Blue“ von Michi Tobler

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    • Petrotilapia „Small Blue“ von Michi Tobler

      Petrotilapia „Small Blue“

      von Michi Tobler

      Seit einigen Jahren hängt ein Bild von Petrotilapia „Yellow Chin“ in meinem Zimmer. Ein befreundeter Aquarianer hat es mir einmal geschenkt. Die dicken Lippen dieses stattlichen Exemplars sowie die kräftige Postur machten diesen Fisch für mich so eindrücklich. Die Art selber zu halten, blieb jedoch immer ein Traum, waren meine grössten Becken doch gerade einen Meter lang. Bis im Dezember 98. Und da war es für mich klar: In mein neues, tausend Liter fassendes Mbuna-Becken müssen Petrotilapia. Doch auch nach reger Suche konnte ich keine Petrotilapia erwerben, so dass meine Aquarium lange Zeit ohne diese Cichliden auskommen musste. Vor gut einem Jahr jedoch konnte ich bei einem bekannten Händler zwar nicht den „Yellow Chin“ aber den Petrotilapia „Small Blue“ entdecken. Sofort kaufte ich die zwei Männchen und das eine Weibchen.
      Die grössten Mbuna-Arten des Malawisees gehören zur Gattung Petrotilapia. Bis zu achtzehn Zentimeter lang werden die Männchen unter natürlichen Bedingungen. Im Aquarium werden sie leicht über zwanzig Zentimeter lang. Die Weibchen bleiben etwas unter dieser Grösse. Charakteristisch ist für die Petrotilapia-Arten sind, genau wie für Mitglieder der Gattung Petrochromis, der Schwestergruppe aus dem Tanganjikasee, die dicken, dicht mit Zähnchen bestückten Lippen. Durch die eigenartige Maulstruktur sind die Zähne immer sichtbar und es macht den Anschein, als hätten diese Fische ihr Maul immer offen. Die verschiedenen Arten sind vielfach nur anhand der Färbung zu Unterscheiden; morphologische Unterschiede lassen sich teilweise gar nicht nachweisen.
      Charakteristika meiner P. „Small Blue“
      Petrotilapia „Small Blue“ ist die wohl kleinste Art der Gattung und wurde noch nicht wissenschaftlich bearbeitet. Meine Tiere sind um die fünfzehn Zentimeter lang und wachsen nicht mehr merklich. Durch charakteristische hellblaue Brutfärbung der Männchen kann die Art in eine Gruppe um P. tridentiger eingeordnet werden (Spreinat, 1991). Mein dominantes Männchen zeigt normalerweise ein Muster, das aus sechs bis acht dunkelblauen vertikalen Streifen und zwei Längsstreifen (einer midlateral und einer dorsolateral) besteht. Bei Erregung und bei der Balz verschwinden die Längsstreifen fast vollständig. Auffällig sind zudem die orangen Flecken am Ende der Rückenflosse und an den Bauchflossen. Zudem ist die Kante der Schwanzflosse und die Kehle orange gefärbt. Die Dorsale trägt ein dunkles submarginales Band. Die Afterflosse trägt mehrere deutlich hell umrundetete Eiflecken.
      Das subdominante Männchen hat eine dunkelblaue Grundfärbung, die jedoch russig überzogen ist, so dass die Färbung in der Körpermitte fast schwarz ist. Es sind nur schlecht die Längs- und Querstreifen erkennbar und auch die orange Färbung ist bis auf die Kehle praktisch nicht ausgebildet.
      Anders als in der Literatur beschrieben ist mein Weibchen sehr unscheinbar gefärbt. Die Körpergrundfarbe ist senfgelb, die Flossen sind dunkelbraun gefärbt. Der dunkle midlaterale Längsstreifen ist sehr ausgeprägt und nimmt fast ein viertel der Körperhöhe in Anspruch. Durch den zweiten Längsstreifen und die vertikale Streifung wird der Gesamteindruck der Färbung noch düsterer. Wie beim subdominaten Männchen sind unscheinbare, „verwaschene“ Eiflecken ausgebildet.
      ...in der Natur
      Laut Ribbink et al. (1983) konnte der „Small Blue“ im Malawisee bei Nkhata Bay, Lion’s Cove und Cape Manulo nachgewiesen werden. Möglicherweise soll er aber entlang der ganzen Küstenlinie zwischen Nkhata Bay und Cape Manulo vorkommen. Hier kommt er sympatrisch mit P. tridentiger vor (Spreinat, 1991). Die Art soll von Tiefen von zwei bis mindestens 42 Meter über felsigem Grund vorkommen, wo Männchen Territorien gegen Artgenossen verteidigen. Die Territorien sind um die vier Quadratmeter gross (die von P. tridentiger können gar bis 17 m2 gross sein!). Weibchen wie revierlose Männchen und Juvenile sind einzeln anzutreffen.
      Gefressen wird auf die gattungsspezifische Art und Weise. Die weichen beweglichen Lippen dieser Arten werden auf das Substrat gepresst, während das Maul in schneller Abfolge geöffnet und geschlossen wird. Dadurch wird der lose Aufwuchs aus den Fadenalgen herausgekämmt. Die Fische halten beim Fressen einen beinahe rechten Winkel zum Substrat ein. Bei der Planktonblüte wird teilweise überwiegend von diesem gefressen.
      Die Färbung der Art variiert von Ort zu Ort. So gibt es auch goldgelbe Weibchen. Die Färbung der Männchen variiert von dunkel- über hellblau bis überwiegend gelb.
      Verhalten im Aquarium
      Meine „Small Blue“ verhalten sich zu meiner Überraschung sehr wenig aggressiv und, vor allem im Vergleich zu Maylandia-Arten relativ ruhig. Trotz des grossen Becken ist nur eines der Männchen voll ausgefärbt, in Anbetracht der Reviergrösse in freier Natur scheint dies aber kaum verwunderlich. Das stärkere Männchen hält sich meist in Bodennähe zwischen Felsen auf, während die anderen beiden Tiere sich vornehmlich im freien Schwimmraum aufhalten. Streitigkeiten sind im Normalfall nicht an der Tagesordnung. Selten droht das überlegene dem unterdrückten Männchen durch Flossenabspreitzen, womit sich die Sache meist erledigt ist. Nie konnte ich das unterlegene Männchen beobachten, dass es eine aggressive Handlung erwidert oder gar selbst initiiert.
      Trotz guter Fütterung sind die Petrotilapia „Small Blue“ häufig zu beobachten, wie sie Algen von den Scheiben und Einrichtungsgegenständen raspeln. Die Spuren dieses Fressverhaltens sind überall im Becken zu sehen; wo die Petrotilapia gerade geraspelt haben, kann man auf dem Algenbelag ganz fein die zahlreichen Zahnreihen erkennen. Die enorme Beweglichkeit des Mauls lässt sich besonders gut beobachten, wenn man feine Futterpartikel, etwa Cyclops, verfüttert. Mit einer unglaublichen Frequenz werden die einzelnen Partikel einzeln aus dem freien Wasser aufgenommen. Bei der Fütterung fällt auf, dass die „Small Blue“ im Gegensatz zu den anderen Beckeninsassen zurückhaltender sind.
      Wenn das Weibchen laichwillig ist, beginnt das stärkere Männchen mit der intensiven Verteidigung eines kleinen Abschnittes im Aquarium, indem keine Eindringlinge geduldet werden. Dies beginnt meist rund eine Woche bevor überhaupt die Genitalpapille des Weibchens merkbar anschwillt. Das lässt die Vermutung zu, dass das Männchen schon zu einem frühen Zeitpunkt, entweder durch verhaltensbedingte oder chemische Signale, von der baldigen Paarungswilligkeit des Weibchens Kenntnis nimmt. Interessant ist auch, dass sich das Männchen immer wieder ein anderes Laichrevier wählt, das sich zudem meist auf dem Sand ohne irgendwelchen Schutz befindet. Dies steht im Gegensatz zu Beobachtungen mit anderen Mbuna im selben Becken, bei denen ich regelmässig den Laichakt beobachten kann. Tropheops „Olive“, Maylandia estherae wie Pseudotropheus „Kingsizei“ laichen bei mir allesamt geschützt zwischen grossen Felsaufbauten oder unter Steinplatten. Auch in der Natur laichen Mbuna in der Regel versteckt zwischen den Felsen (Staeck, 1988). In dieser Zeit wird auch das andere Männchen intensiver kontrolliert, wobei es schon einmal zu einer wilden Hetzjagd kommen kann.
      Der Ablaichvorgang vollzieht sich in typischer Mbunamanier. Trotz der sehr exponierten Lage vollzieht sich der Akt ausgesprochen ungestört, selten wird er unterbrochen. Das zweite Männchen zeigte meines Erachtens bisher nie Interesse am Weibchen oder dem Laichakt. Es werden jeweils um die dreissig Eier abgelegt und auch Stunden nach dem eigentlichen Ablaichen können immer wieder Scheinpaarungen beobachtet werden. Das Weibchen behütet seine Brut jeweils 24-28 Tage und hält sich in dieser Zeit vornehmlich in der Nähe der Wasseroberfläche in dunklen Bereichen (am schwarzen Innenfilter) auf. Während des Brütens wird keine Nahrung aufgenommen. Die Männchen lassen es während dieser Zeit unbehelligt.
      Zum Brüten und zur Aufzucht der Jungfische liess ich das Weibchen immer im Hälterungsbecken. Zwar bekommt man die Jungtiere in den ersten Tagen kaum zu Gesicht, aber schon nach kurzer Zeit werden sie frech genug um aus ihren Verstecken herauszukommen, was jedoch auch die anderen Cichliden bemerken und kurzerhand ihren Speisezettel erweitern. Einige Junge kommen jedoch bei jedem Wurf durch. Die Jungen scheinen mir im Vergleich zu anderen Mbuna jedesmal überdurchschnittlich gross zu sein, leider konnte ich bisher aber keine Messungen vornehmen. In Anbetracht der Grösse des Weibchens und der Brutzeit erscheint dies aber durchaus im Bereich des Möglichen zu sein. Sicher ist, dass die jungen Petrotilapia bedeutend schneller wachsen als andere junge Mbuna. Dreimonatige „Small Blue“ haben mit rund vier Zentimetern in etwa die gleiche Länge wie halbjährige M. estherae im selben Becken.
      Die Haltung und die Nachzucht des Petrotilapia „Small Blue“ ist zumindest in grösseren Becken wohl völlig problemlos. Dies ist mit ein Grund warum ich eine solche Freude an diesen Fischen habe. Ohne viel Zutun und Mühe kann ich die faszinierenden Cichliden erfolgreich beobachten und pflegen. Das Bild von Petrotilapia „Yellow Chin“ hängt übrigens noch immer in meinem Zimmer...
      Literatur
      Ribbink, A. J., Marsh, B. A., Marsh, A. C., Ribbink, A. C. & Sharp, B. J. (1983): A preliminary survey of the cichlid fishes of rocky habitats in Lake Malawi. S. Afr. J. Zool. 1983, 18: 149-310.
      Spreinat, A. (1991): Petrotilapia: Dicklippenbuntbarsche aus dem Malawisee, Teil 1 und 2. DATZ 02/91 & DATZ 03/91: 82-86 / 147-152.
      Staeck, W. (1988): Cichliden Malawi-See. Engelbert Pfriem Verlag. Wuppertal.
      Gruß Oliver


      Niveau ist keine Creme und Stil auch nicht das Ende vom Besen und Humor ist etwas Gutartiges
      mir fehlen zum Schweigen manchmal einfach die passenden Worte ....


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